Projekte und Studien

Aktuelle Projekte

Die Rolle von Dialekt für die kognitive Entwicklung

Leitung: Prof. Dr. Bettina Braun
Mitarbeit: Katharina Zahner, Carina Haase

Worum es geht…

Kinder sind kleine Weltentdecker! Sie finden neue Dinge spannend – egal ob Kuscheltiere, Spielzeug, oder andere Reize wie z.B. Sprache oder Bilder. Sehen Kinder ein Bild auf einem Bildschirm, schauen sie in der Regel sofort gespannt auf das neue Objekt – bis dieses dann irgendwann langweilig wird und die Kinder beginnen, ihr Interesse davon abzuwenden. Das ist auch gut so, denn es gibt ja noch andere Dinge, die erkundet werden müssen. Die Abnahme des Interesses für bekannte Dinge und die darauffolgende Zunahme der Aufmerksamkeit für neue Dinge ist ein wichtiger Aspekt für unsere Forschung, denn dieses Verhalten lässt Rückschlüsse auf die kognitive Entwicklung von Kindern zu. Aus entwicklungs-psychologischen Studien weiß man, dass Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen (z.B. Englisch und Chinesisch), sich in der Informationsverarbeitung von Kindern unterscheiden, die nur eine Sprache hören (z.B. nur Englisch, Singh et al. 2015). Es zeigt sich, dass zweisprachig aufwachsende Babys bei der Verarbeitung von visuellen Reizen einen Vorsprung haben: Sie gewöhnen sich schneller an Stimuli, die ihnen gezeigt werden, und erkennen bereits bekannte Stimuli schneller wieder als einsprachige Kinder. Diese Fähigkeit wird auch mit späteren Vorteilen für sprachliche Fähigkeiten und Intelligenz in Verbindung gebracht.

In unserer Studie wollen wir nun herausfinden, ob Kinder, die mit mehreren Varietäten des Deutschen aufwachsen (z.B. Standard und Alemannisch), ein ähnliches Muster der Interessensabnahme zeigen wie bilinguale Kinder. Uns interessiert, ob es Vorteile hat, mit Dialekt und der Standardvarietät aufwachsen. Somit gibt unsere Studie Aufschluss über die Effekte des Dialektlernens auf die kognitive Entwicklung und kann zudem aufzeigen, ob Dialekte als „eigene“ Sprachen zählen oder ob verschiedene Varietäten einer Sprache zu einer Sprache gruppiert werden können.

Wie wir das untersuchen…

Die Methode, die wir für diese Studie verwenden, nennt sich ‘Visual Habituation‘. Sie beruht auf der Tatsache, dass Kinder neuen Dingen länger ihre Aufmerksamkeit widmen als bereits bekannten Dingen. Wir nutzen diesen Sachverhalt, um die kognitiven Verarbeitungsmechanismen der Kinder zu verschiedenen visuellen Reizen zu analysieren. Genauer gesagt messen wir, wie lange 6-Monate alte Babys ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Bilder richten. Während des Experiments sitzt das Kind auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters und sieht zuerst ein Bild von einem Kuscheltier. Nimmt das Interesse des Kindes für dieses Bild ab, werden zwei Bilder gleichzeitig gezeigt: das bekannte Kuscheltier und ein neues. Die Blickdauern zu den jeweiligen Bildern geben uns dann Aufschluss über die Dauer des Interesses und der Wiedererkennung und somit über die kognitiven Verarbeitungsabläufe.

Für diese Studie suchen wir zurzeit Kinder im Alter von 6 Monaten. Melden Sie sich gerne, wenn Sie Interesse haben, daran teilzunehmen.

Literatur:

Singh, L., Fu, C. S. L., Rahman, A. A., Hameed, W. B., Sanmugam, S., Agarwal, P., Jiang, B., Chong, Y. S., Meaney, M. J., Rifkin‐Graboi, A., Team, G. R., & the, G. R. T. 2015. Back to basics: A bilingual advantage in infant visual habituation. Child Development, 86, 294-302.

Unterscheidung von Intonationsmustern des Portugiesischen

Leitung: Prof. Dr. Bettina Braun
Mitarbeit: Katharina Zahner, Nathalie Czeke, Jasmin Rimpler

Worum es geht...

„Wir unterstützen heute die Forschung im Babysprachlabor.“
„Unterstützen wir heute die Forschung im Babysprachlabor?“

In vielen Sprachen, wie z.B. deutsch und englisch, unterscheiden sich Aussagen von Fragen durch ihre Syntax (Wortstellung, Verwendung von „do“, etc.). Außerdem wird der Unterschied in diesen Sprachen durch die Sprachmelodie (Intonation) gekennzeichnet: In Aussagen verwenden wir in der Regel eine fallende, in Ja/Nein-Fragen eine steigende Sprachmelodie. Während im Deutschen und im Englischen sowohl Syntax als auch Intonation zur Unterscheidung von Fragen und Aussagen verwendet werden, gibt es auch Sprachen, die den Unterschied nur durch die Intonation markieren, z.B. Portugiesisch und Baskisch. Im Babylab Lissabon haben Spracherwerbsforscher herausgefunden, dass Babys im Alter von 5-6 Monaten steigende und fallende Intonationskonturen im Portugiesischen unterscheiden können (Frota et al. 2014). Aus weiteren Studien wissen wir, dass baskische Babys in diesem Alter ähnliche Fähigkeiten zeigen (Sundara et al. 2015). Dagegen haben englische Babys Schwierigkeiten, die steigende und fallende Intonation des Portugiesischen zu unterscheiden. In unserer Studie möchten wir herausfinden, ob deutsche Babys im Alter von 5-8 Monaten Fragen und Aussagen anhand der Intonation unterscheiden können. Zu diesem Zweck replizieren wir die Studie von Frota et al. (2014) mit deutschen Babys.

Wie wir das untersuchen...

An unserer Wahrnehmungsstudie nahmen 19 deutsche Babys im Alter von 5-6 Monaten und 20 deutsche Babys zwischen 8-9 Monaten teil. Die Methode, die wir dabei verwendet haben, nennt sich Switch Procedure. Das Kind sitzt auf dem Schoß eines Elternteils und hört verschiedene Lautsequenzen, während es auf einen bunt gemusterten Bildschirm schaut. Zunächst hört das Kind in der sog. Habituierungsphase einen der beiden Stimuli-Typen, d.h. Wörter mit entweder fallender oder steigender Intonation. Nach einer Weile verliert das Kind das Interesse an den abgespielten Lautsequenzen und die Aufmerksamkeit zum Bildschirm hin nimmt ab (= Habituierung). Dann beginnt die zweite Phase, die Testphase. Hier werden zwei verschiedene Arten von Lautsequenzen abgespielt, eine mit der gleichen Intonation wie in der Habituierungsphase („same trial“) und eine mit der anderen Intonation („switch trial“). Wir messen dabei die Blickdauern zum Bildschirm. Babys schauen in der Regel länger zu neuen als zu bereits bekannten Reizen, denn neue Dinge finden sie interessant und spannend. Wir erwarten daher, dass die Kinder länger zum „switch trial“ als zum „same trial“ schauen, wenn sie den Unterschied zwischen den beiden Intonationsarten (fallend vs. steigend) erkennen.

Erste Ergebnisse...

Unsere ersten Ergebnisse zeigten, dass deutsche Babys in beiden Altersgruppen Schwierigkeiten hatten, die portugiesische fallende und steigende Intonation zu unterscheiden (Czeke et al. 2019). Sie verhielten sich also anders als portugiesische und baskische Babys, aber ähnlich wie englische Babys. Die Sensibilität von Kindern gegenüber den prosodischen Merkmalen, die den Unterschied zwischen Fragen und Aussagen markieren, scheint also davon abzuhängen, wie dieser Unterschied in der eigenen Sprache realisiert wird. Baskische Babys, die mit Sprachen aufwachsen, in denen der Unterschied ausschließlich durch Intonation markiert ist, zeigen frühe Unterscheidungsfähigkeiten. Deutsche und englische Babys wachsen hingegen mit Sprachen auf, in denen der Unterschied zwischen Fragen und Aussagen durch Intonation und Syntax gekennzeichnet wird. Daher sind sie vermutlich weniger sensibel für den Intonationskontrast. Wir planen Deutsche Babys in einer vereinfachten Methode zu testen (vgl. Sundara et al. 2015), um ihre Fähigkeiten in der Unterscheidung von Intonation genauer zu untersuchen.

Literatur

Czeke, N., Zahner, K., Rimpler, J., Braun, B. & Frota, S. (2019). German infants do not to discriminate Portuguese rising vs. falling contours. Poster presented at the 4th Workshop on Infant Language Development (WILD), Potsdam, Germany. Poster, Abstract

Frota, S., Butler, J. and Vigário, M. (2014), Infants' Perception of Intonation: Is It a Statement or a Question?. Infancy, 19: 194-213. doi:10.1111/infa.12037

Sundara, M., Molnar, M., and Frota, S. (2015). The perception of boundary tones in infancy. Procedings of the 18th International Congress of Phonetic Sciences, Glasgow, UK.

Prosodie, Morphosyntax und Verbstellung im bilingualen Spracherwerb

Leitung: Prof. Dr. Janet Grijzenhout, Prof. Dr. Claudia Diehl
Doktorandin: Monika Lindauer

Worum es geht...

Die Mehrheit der Weltbevölkerung wächst mit zwei oder mehr Sprachen auf. Auch in Deutschland ist Mehrsprachigkeit häufiger als man denkt. Kinder von Immigranten erwerben meist sowohl die Sprache ihrer Eltern, die Herkunftssprache, als auch das Deutsche, die Umgebungssprache in der Gesellschaft.
In unserer Studie untersuchen wir den Spracherwerb des Deutschen bei Kindern zwischen 3 und 10 Jahren, die mit Italienisch oder Türkisch als Herkunftssprache aufwachsen. Wir wollen herausfinden, ob und wie sich der Spracherwerb des Deutschen zwischen zweisprachigen und einsprachigen Kindern unterscheidet. Zudem untersuchen wir, welche der folgenden Faktoren für mögliche Unterschiede im Spracherwerb eine Rolle spielen:

  • der Einfluss der Herkunftssprache auf das Deutsche
  • das Erwerbsalter des Deutschen
  • der sprachliche Input von früher bis heute in Familie, Kita, Schule und Freizeit
  • der sozio-ökonomische Status der Familie

Um die sprachliche Entwicklung der Kinder zu vergleichen, betrachten wir drei Phänomene des Deutschen in verschiedenen sprachlichen Bereichen:

  • im Bereich Rhythmus/ Betonung: die Dauer der betonten Silbe im deutschen Wortakzent
  • im Bereich Lexikon und Grammatik: das Genus am bestimmten Artikel (der/ die/ das)
  • im Bereich Satzbau: die Position des Verbs im deutschen Haupt- und Nebensatz

Wie wir das untersuchen...

In der Studie verwenden wir zwei spielerische Produktionsexperimente, ein Bildbenennungsspiel und ein Satzergänzungsspiel, bei denen die Kinder dazu angeregt werden, bestimmte Strukturen und Wörter zu äußern. Somit können wir die oben genannten Phänomene untersuchen. In einem Eltern-Fragebogen erheben wir Informationen über das sprachliche Umfeld, den Sprachgebrauch und den sozio-ökonomischen Hintergrund der Kinder.

Nutzen der Studie...

Die Studie ist Teil des EU-Projektes AThEME (Advancing the European Multilingual Experience). Die Ergebnisse tragen zu einem breiteren Wissen über Mehrsprachigkeit bei. Z.B. können sie genaueren Aufschluss darüber geben, in welchen sprachlichen Bereichen und auf welche Weise der Spracherwerb gezielter gefördert werden kann und in welchen Bereichen dies vielleicht gar nicht nötig ist. Somit können wir auch Vorurteilen gegenüber Mehrsprachigkeit entgegenwirken und die Vorteile von Mehrsprachigkeit aufzeigen. Durch die Untersuchung des sprachlichen Umfelds der Kinder können wir mehr über den Einfluss des Sprachgebrauchs herausfinden. Dies liefert z.B. Antworten auf die häufige Frage: „Welche Sprache/ Wie soll ich mit meinen Kindern zuhause sprechen?“

Abgeschlossene Projekte

Many Babies Projekt – Präferenz für kindgerichtete Sprache

Leitung: Prof. Dr. Bettina Braun
Mitarbeit: Katharina Zahner, Nathalie Czeke

Worum es geht...

Wenn Erwachsene mit Kleinkindern reden, verwenden sie eine bestimmte Art des Sprechens, die sog. kindgerichtete Sprache (infant-directed speech, IDS). Im Vergleich zur Sprache zwischen Erwachsenen (adult-directed speech, ADS) zeichnet sich IDS beispielsweise durch einfachere und kürzere Sätze, langsameres Sprechtempo, hyperartikulierte Vokale, höhere und stärker variierende Intonation und mehr Varianz in der Stimmqualität aus. Frühere Forschung konnte zeigen, dass Kleinkinder eine Präferenz für IDS im Vergleich zu ADS aufzeigen (Cooper & Aslin 1990, u.v.m.). Dies wird daran ersichtlich, dass Babys, wenn sie IDS und ADS hören, eben dieser kindgerichteten Sprache mehr/ länger ihre Aufmerksamkeit widmen.
Im MayBabies (MB) Projekt werden in zahlreichen Babylabs auf der ganzen Welt maßgebende Experimente der Entwicklungspsychologie repliziert, um die Vergleichbarkeit von Studien zur kindlichen Entwicklung zu fördern. In der ersten Studie dieser Initiative ging es darum, die Befunde zur Präferenz von IDS zu replizieren. An der weltweiten Kooperation beteiligten sich 67 Babysprachlabore und untersuchten mit einheitlichen Methoden und Sprachmaterial auf systematische Weise, ob sich die Ergebnisse zur Wahrnehmung von IDS versus ADS bestätigen und breiter fundieren lassen.
Mit dieser umfangreichen Datenerhebung lässt sich bestimmen, wie stabil individuelle Ergebnisse aus der Spracherwerbsforschung sind, die bereits in Studien mit kleineren Stichproben gefunden wurden. Des Weiteren erhalten wir einen genaueren Einblick, wie kulturelle, methodische und entwicklungspsychologische Faktoren die Präferenz für IDS beeinflussen.

Wie wir das untersuchen...

Die Methode, die wir in unserem Labor für diese kolloborative Studie verwendet haben, nennt sich Head Turn Preference Procedure. Diese Methode beruht auf der Tatsache, dass Kinder generell spannendere oder interessantere Dinge länger anschauen als weniger interessante. Das Kind sitzt während des Experiments auf dem Schoß eines Elternteils und hört unterschiedliche Sprachaufnahmen in ADS und IDS. Die Stimuli werden zusammen mit einem rot blinkenden Licht von rechts oder von links präsentiert. Wir analysieren anschließend die Blickdauer zu den seitlichen Lichtern und den auditiven Reizen. Insgesamt wurden 2329 Babys im Alter zwischen 3 und 15 Monaten in 67 Babysprachlaboren in 16 verschiedenen Ländern mit dieser oder zwei weiteren Methoden getestet (central fixation und eye tracking). Rund 150 WissenschaftlerInnen waren an dem Kooperationsprojekt beteiligt. Dabei wurden in allen Laboren dieselben Stimuli aus dem gesprochenen amerikanischen Englisch verwendet. Im Babysprachlabor Konstanz nahmen 16 Babys im Alter von 6 bis 9 Monaten teil.

Ergebnisse...

Die Ergebnisse bestätigten, dass Babys in ihrer Wahrnehmung kindgerichtete Sprache gegenüber erwachenengerichteter Sprache bevorzugen. Die Präferenz für kindgerichtete Sprache ist am stärksten, wenn es sich dabei um die Muttersprache der Kinder handelt (in dieser Studie also amerikanisches englisch). Aber selbst, wenn die Kinder die kindgerichtete Sprache in einer für sie fremden Sprache hören, haben sie dafür eine Präferenz gegenüber der erwachsenengerichteten Sprache. Mit zunehmendem Alter steigt die Präferenz für IDS. Unter den drei verwendeten Methoden zeigte sich die Präferenz für IDS am stärksten in der Head Turn Preference Procedure, die auch in unserem Labor verwendet wurde.

Nutzen der Studie...

Durch die sehr hohe Anzahl von getesteten Babys in verschiedenen Ländern der Welt ist dieses Projekt bisher einzigartig. Das Projekt ebnet den Weg für weitere Studien mit denselben standardisierten Methoden, was eine hohe Vergleichbarkeit schafft. Die Materialien und Daten der Studie sind für weitere Studien frei zugänglich. Die Ergebnisse liefern genaueres Wissen darüber, wie die Präferenz für kindgerichtete Sprache auch mit der Dauer und der Art (bzw. der Sprache) des Inputs zusammenhängt. Damit ist das Many Babies Projekt von großer Bedeutung für die Spracherwerbsforschung.

Literatur

ManyBabies Consortium (in press). Quantifying sources of variability in infancy research using the infant-directed speech preference. Advances in Methods and Practices in Psychological Science.

Cooper, R. P., & Aslin, R. N. (1990). Preference for infant-directed speech in the first month after birth. Child Development, 61, 1584-1595.

Die Rolle der Intonation im Spracherwerb

Leitung: Prof. Dr. Bettina Braun
Mitarbeit: Muna Schönhuber (geb. Pohl), Katharina Zahner (Doktorandin)

Worum es geht...

Der Spracherwerb beginnt schon, bevor Kinder überhaupt geboren werden. Bereits im letzten Drittel der Schwangerschaft nehmen Föten gewisse Merkmale ihrer Muttersprache wahr. Die einzelnen Laute sind in dem, was zum Kind durchdringt, zwar noch nicht erkennbar, dafür aber prosodische Merkmale wie Sprachmelodie (Intonation), Rhythmus und Betonung. Dies erklärt, weshalb Neugeborene sehr empfänglich sind für prosodische Information. Unmittelbar nach der Geburt sind Säuglinge auch den Lauten ihrer Muttersprache ausgesetzt. Für deutsche oder schweizerdeutsche Babys sind die Laute wesentlich wichtiger als die Melodie oder der Rhythmus. Daher stellt sich die Frage, ab wann sie lernen, mehr auf Sprachlaute als auf den Rhythmus und die Sprachmelodie zu hören.

In diesem Projekt untersuchen wir zunächst, wie deutsche und schweizer Säuglinge im Alter von 6 und 10 Monaten die Melodie ihrer Muttersprache und die einer fremden Sprache verarbeiten und wie stark sie diese Information im Vergleich zu Lautinformation gewichten. Im zweiten Teil gehen wir der Frage nach, inwiefern die Sprachmelodie Kinder dabei unterstützt, einzelne Wörter aus dem ansonsten kontinuierlichen Sprachstrom herauszufiltern.

Wie wir das untersuchen...

Die Methode, welche wir für die beiden Experimente verwenden, heißt Head Turn Preference Procedure . Diese Methode beruht auf der Tatsache, dass Kinder generell spannendere oder interessantere Dinge länger anschauen als weniger interessante. Das Kind sitzt während des Experiments auf dem Schoß eines Elternteils und hört unterschiedliche Sprachdateien, die von rechts oder von links präsentiert werden. Die Forscher analysieren anschließend die Blickdauer zu den verschiedenen auditiven Reizen.

Ergebnisse...

Die Ergebnisse zeigten, dass Babys eine betonte Silbe nur als betont wahrnehmen, wenn die Silbe eine hohe Intonation trägt. In diesem Fall sind die Kinder in der Lage, Trochäen (Zweisilber mit Betonung auf der ersten Silbe) aus dem Sprachfluss zu erkennen. Wenn die betonte Silbe eine tiefe Intonation trägt, gelingt es den Kindern nicht, die Silbe als betont wahrzunehmen (Zahner et al., 2016, Zahner & Braun 2018, Zahner, 2019). Dieses Ergebnis kann dadurch erklärt warden, dass a) hohe betonte Silben salienter, also auffälliger sind als tiefe betonte Silben und dass b)hohe betonte Silben häufiger in kindgerichteter Sprache des Deutschen auftreten (Zahner et al. 2016, KIDS Corpus.)

Publikationen

Zahner, K. (2019). Pitch accent type affects stress perception in German: Evidence from infant and adult speech processing, unpublished PhD Thesis. U of Konstanz

Zahner, K. & Braun, B. (2018). F0 peaks are a necessary condition for German infants’ perception of stress in metrical segmentation. Proc. of the 17th Speech Science and Technology Conference (SST 2018), Sydney, Australia, 73-76.

Zahner, K., Schönhuber, M., & Braun, B. (2016). The limits of metrical segmentation: intonation modulates infants' extraction of embedded trochees. Journal of Child Language, 43(6), 1338-1364. DOI: 10.1017/S0305000915000744.

Zahner, K., Schönhuber, M., Grijzenhout, J. & Braun, B. (2016). Konstanz prosodically annotated infant-directed speech corpus (KIDS Corpus). Proceedings of the 8th International Conference on Speech Prosody. Boston, USA. (KIDS corpus online)

Zahner, K., Pohl M. & Braun B. (2016). Pitch accent distribution in German infant directed speech. Proceedings of Interspeech 2015. Dresden, Germany.

Braun, B., Pohl M. & Zahner K. (2014). Speech segmentation is modulated by peak alignment: Evidence from German 10-month-olds. Proceedings of the 7th International Conference on Speech Prosody. Dublin, Ireland.

Sprachlaute und Silben in unterschiedlichen Satzmelodien

Leitung: Prof. Dr. Janet Grijzenhout
Doktorandin: Anne Gwinner

Das Projekt "Erstspracherwerb von Sprachlauten und Silben in unterschiedlichen Satzmelodien des Deutschen" ist in zwei Studien unterteilt.

Eine Wahrnehmungsstudie erforscht, ob Kleinkinder im Alter von 18, 27 und 36 Monaten zwischen komplexen und einfachen Wortanfängen unterscheiden können. Frühere Studien haben gezeigt, dass Kinder manchmal Schwierigkeiten haben, Konsonantenfolgen, wie in 'Brot' auszusprechen. Dies wird gelöst durch das Weglassen eines Konsonants ('Brot' wird zu 'Boot'). Man könnte daraus schließen, dass Kinder keinen Unterschied zwischen 'Brot' und 'Boot' hören, aber das ist nicht der Fall. Zeigt man ihnen Bilder zu den beiden Wörtern und fordert sie auf, das Boot zu suchen, schauen Kinder länger zu der Abbildung eines Boots als zu einem Brot. In unserer Studie werden wir den Kindern Wortpaare präsentieren, die sich nur in der initialen Konsonantenfolge unterscheiden ('Knopf' – 'Kopf'), sowie Wörter, die einen kleinen Aussprachefehler haben (z.B. 'Kräse' statt 'Käse' oder 'Gelas' statt 'Glas'). Uns interessiert nun, ob deutschsprachige Kinder im Alter von 18, 27 und 36 Monaten die Aussprachefehler als ähnlich gravierend einstufen und ob sich eine sprachliche Entwicklung feststellen lässt.

Eine Produktionsstudie untersucht, wie Kindergartenkinder die Melodie von Sätzen im mentalen Lexikon speichern. Dabei interessiert uns besonders, wie viel morphologisches Detail Kinder wiedergeben. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass Kinder ein rhythmisches Muster aus abwechselnd betonten und unbetonten Silben lieber hören als andere rhythmische Muster. Uns interessiert nun, ob Kinder unbetonte Silben weglassen, weil sie sie als unbedeutend erachten oder weil sie aus dem Betonungsmuster fallen. Darüber hinaus möchten wir untersuchen, ob unbetonte Silben gleich behandelt werden, oder ob Kinder Unterschiede machen zwischen Funktionswörtern (Artikel), schwachen Silben (z.B. Gesicht) und Präfixen, die eine grammatische Rolle tragen (z.B. gelaufen). Dafür möchten wir die Wort- und Satzproduktion von Kindergartenkindern, die monolingual Deutsch und bilingual Deutsch-Italienisch aufwachsen, testen. Diese beiden Sprachen ergeben einen interessanten Vergleich, da es im Deutschen andere Satzmelodien gibt als im Italienischen, das Deutsche jedoch komplexere Wortanfänge erlaubt als das Italienische.

Für die Wahrnehmungsstudie mit den Kleinkindern benutzen wir das Preferential Looking Paradigm. Für die Produktionsstudie mit den Kindergartenkindern verwenden wir den 'Word-elicitation-task', bei dem mit Hilfe von Bilderbüchern und Puppen spezielle Wörter und Sätze von Kindern geäußert werden sollen.

Literatur

Gwinner, A. (2015). Early Language Acquisition and the Prosody-Morphology Interface : A Perception and Production Study with German and German-Italian Children. University of Konstanz dissertation.

Perzeption phonologischer Kontraste

Leitung: Prof. Dr. Janet Grijzenhout
Doktorandin: Muna Schönhuber (geb. Pohl)

Das Projekt "Erwerb lexikalischer phonologischer Kontraste"  untersucht den Erwerb von Lautkontrasten im Deutschen und im Schweizerdeutschen und befasst sich speziell mit den Plosiven beider Sprachen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Wir sind daran interessiert, wie Babys feine, aber wesentliche Lautkontraste wahrnehmen, wie etwa im Wortpaar 'Paar' – 'Bar'. Das Deutsche unterscheidet zwischen aspirierten und nicht-aspirierten Plosiven; im Schweizerdeutschen findet man hingegen keinen laryngalen, sondern einen quantitativen Kontrast: Hier wird zwischen langen und kurzen Plosiven unterschieden. Wir testen, welche phonetischen Informationen Säuglinge im Sprachsignal wahrnehmen und zum Aufbau eines muttersprachlichen Phoneminventars verwenden.

Dabei sind wir vor allem an der Entwicklung der frühkindlichen Lautwahrnehmung interessiert. Gängige Theorien gehen davon aus, dass Neugeborene und Babys bis zu einem Alter von ca. 8 Monaten (fast) alle Lautkontraste unterscheiden können – unabhängig davon, ob diese Laute für die Muttersprache relevant sind oder nicht. Im Laufe des ersten Lebensjahres passt sich die Wahrnehmung zunehmend an die Muttersprache an, so dass mit 10-12 Monaten nur noch die Lautkontraste unterschieden werden, die in der eigenen Muttersprache von Bedeutung sind.

Im BSL untersuchen wir, ob im sehr frühen Spracherwerb (zwischen 6 und 8 Monaten) deutsche und schweizerdeutsche Babys sowohl ihre jeweils muttersprachlichen Kontraste (den laryngalen Kontrast im Deutschen und den Quantitätskontrast im Schweizerdeutschen) als auch die jeweils nicht-muttersprachlichen Kontraste unterscheiden können.

Des Weiteren testen wir, ob bei älteren Babys (zwischen 10 und 16 Monaten) das Wahrnehmungsvermögen für die nicht-muttersprachlichen Kontraste nachgelassen hat. Wir möchten also herausfinden, ob die im Deutschen relevanten laryngalen Kontraste von schweizerdeutschen Kindern ab einem Alter von 10 Monaten nicht mehr wahrgenommen werden und umgekehrt, ob die deutschen Babys mit der Unterscheidung der für ihre Sprache irrelevanten schweizerdeutschen Längenkontraste Schwierigkeiten haben.
Für alle Tests wird die Switch-Methode  verwendet.

Das Projekt "Acquisition of Lexical Phonological Contrasts"  ist unter der Leitung von Janet Grijzenhout  im Rahmen des ehemaligen SFB 471 'Variation und Entwicklung im Lexikon'  entstanden und wurde zunächst über Fördergelder der DFG finanziert. Bis zum Abschluss 2011 wurde das Projekt außerhalb des SFB weitergeführt.

Publikationen

Pohl, Muna. 2011. The perception of laryngeal and length contrasts in early language acquisition. Ph.D. dissertation, University of Konstanz.

Pohl, Muna & Janet Grijzenhout. 2010. Phrase-medial bilabial stops in three West-Germanic languages. Linguistische Berichte 222. 141-167.

Pohl, Muna & Janet Grijzenhout. 2009. The perception of laryngeal and length contrasts in stops by German infants and their parents. In G.M. Socarras (ed.), Philological Explorations, 31-46. Athens: Atiner.